
JugendTanzProjekt
MÜNSTER Wer am Samstagabend das Große Haus des münsterschen Theaters aufsuchte, betrat internationales Parkett. Es schien, als hätte die Jugend der Welt die Foyers in beiden Etagen gestürmt.
Von Günter Moseler
Auf der Terrasse glommen die Zigaretten wie Friedenspfeifchen, Menschen aller Kontinente liefen kreuz und quer, statt gedämpfter Konversation flatterten Lachen und Kichern durch Sitzreihen und Emporen, statt Glitzerroben funkelten Glitzerschuhe. Das „Tanzprojekt 2010“ der Städtischen Bühnen hatte nicht nur 70 Schüler aus 30 Nationen versammelt, sondern auch ein sensationell junges Publikum. Denn für die jungen Tänzer und Tänzerinnen aus der Geistschule, der Realschule im Ostviertel, der Waldorfschule und der Waldschule Kinderhaus waren neben stolzen Verwandten auch Freunde und Schulkameraden im Dutzend angereist.
Musik auf der Leinwand
Die Kunst sollte die Zuschauer überzeugen, auch wenn während Nino Rotas Filmmusik zu „La Strada“ das Handy fröhlich klingelte und konspirative Gespräche abgewickelt wurden. Das Sinfonieorchester Münster und Fabrizio Ventura, die im Orchestergraben spielten, erschienen dazu als Hauptdarsteller auf einer großen Leinwand: So konnte man ihnen die Musik von den Gesichtern ablesen.
Die Pause irritierte: „Wann wird denn getanzt?“, fragte ein Pärchen, konnte aber beruhigt werden. Denn die wilde Choreografie von Mohan C. Thomas, in nur vier Wochen mit den Schülern erarbeitet, erwies sich in Leonard Bernsteins „Symphonischen Tänzen“ aus der „West Side Story“ als ein Ereignis, das Jugendlichkeit, Frische und Identifikation mit der Musik auf anrührende Weise sichtbar werden ließ.
Teenager-Tragödie
Die Tragödie um ein Teenager-Liebespaar zwischen zwei verfeindeten Jugendbanden wurde mit äußerstem Engagement dargestellt. Man stemmte Figuren, rannte synchron über die Bühne, fiel wie ein zusammengefegter Blätterhaufen in sich zusammen, kreiste in wilden Schleifen um das Liebespaar, raste in Kugelgruppen aufeinander los und verhinderte die Kollision, reckte die ohnmächtigen Fäuste, streckte sich dem Himmel entgegen und stürzte zu Tode betrübt auf die Erde.
Schiere Emotion, die im Finale vom Propellerlicht auf der Bühne in hauchdünne Scheiben geschnitten wurde, bevor ein strahlendes Sonnengelb die ganze Kompanie plötzlich in den Hoffnungsschimmer eines neuen Anfangs tauchte.
Ovationen
Da verstummte auch das letzte Palaver und wich dem Soundtrack der Begeisterung. Es war, als stünde das Publikum auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Das ist das Publikum, das die klassische Musik braucht. Standing Ovations.
Von Günter Moseler
Quelle: Ruhrnachrichten 20.06.2010
WDR Trailer Symphonische Tänze - Bitte hier anklicken!